Netzkultur
27.02.2007

[image:848:c]Second Life, eine explosionsartig wachsende virtuelle Welt, bei der viele Träume der Menschheit auf Anhieb ausgelebt werden können. Der pragmatische Traum vom Fliegen zum Beispiel. Oder aber die uneingeschränkte Fähigkeit, seinen Körper vollkommen nach den Wünschen des Geistes anzupassen. Das wird in der realen Welt noch ein paar Jahre dauern, bis durch die Gentechnik herangezüchtete Organe problemlos transplantierbar und für jeden erschwinglich sind. In Second Life kein Problem. Jegliche Kommunikationsbarrieren sind in SL auch direkt gelöst, ebenso wie Transportprobleme. Beamen klappt problemlos.

Wenn man so will ist Second Life genau die Welt, auf die sich unsere reale Welt langsam zubewegt. Eine Welt, in der die einzige Konstante unsere Persönlichkeit bleibt, alles äusserliche, weltliche aber konfigurierbar ist. Die Menschen, die schon jetzt Stunden damit zubringen ihren virtuellen Körper in einer virtuellen Disko zu bewegen, oder am virtuellen Strand sich auf ein virtuelles Surfbrett stellen, in dem sie das Script zum virtuellen Surfen ausführen, nehmen physische Erfahrungen nur noch rein visuell wahr. Der Rest passiert im Kopf. Oder auch nicht. Nur die Finger drücken noch irgendwelche Tasten am PC.

Am Strand liegen, einen Kaffee trinken, zur Musik tanzen oder Autofahren. Physische Erfahrungen werden zu rein konzeptionellen Vorstellungen, die durch ein auf dem Bildschirm ablaufendes Puppentheater vorgemacht und dadurch im Kopf hervorgerufen werden. Und auf dieser Basis bildet sich nun die reale Welt in der virtuellen ab. Es gibt Wohnraum in allen Variationen, Läden, Theater, Kinos, Diskos, eine schwedische Botschaft, Adidas, BMW, Reuters, es gibt Politiker und Wahlkämpfer, angesagte DJs und Fans. Und all das passiert am Bildschirm. Die Konzepte werden im Kopf nur noch abgerufen.

Was zeigt diese vermeindliche Idealisierung der realen Welt, in der der Mensch von jeglichen äußeren Problemen, wie Umweltkatastrophen und lebenserhaltenden Bedürfnissen, wie Schlafen, Essen, ja sogar Atmen, befreit ist? In der Leben und Lebensgenuß als reines Gedankenkonstrukt nur noch durch ein 1024×768 großes Pixelbild verweltlicht wird? In der aber auch Gefühle, wie Schmerzen, Kribbeln, Nässe nur noch durch Bitmaps symbolisiert, nicht mehr aber biologisch ausgelöst werden? In der Gestik und Körperbeherrschung gute Programmierkenntnisse, aber keine Intuition und mentales Training vorraussetzen? Daß das Leben eine reine Kopfsache ist?[image:844:c]PS: Es fasziniert und erstaunt mich einfach nur, was da im Second Life grade so passiert. Nein, ich korrigiere mich: es fasziniert und erstaunt mich, daß Second Life so viele Menschen fasziniert und erstaunt.


Kommentare

Sebastian - 09.03.2007 at 20:56:43

Mich fasziniert an SL, dass so viele Menschen darauf abfahren, obwohl es von der Grafik alles andere als anspruchsvoll ist.
Es gibt so viele MMORPG’s, die nicht so ruckeln und bessere Grafik haben, aber die halt alle in Fantasieregionen angesiedelt sind (Sci-Fi, Fantasy…).
Merkwürdigerweise scheint aber gerade das Abbild der Realität das Anziehende zu sein.
Aus dem Grund finde ich persönlich gerade SL aber eher gefährlicher als WoW z.Bsp.
Ich kann auch nicht nachvollziehen, warum echte Firmen dort investieren - z.Bsp. glaube ich kaum, dass jemand der einen Mercedes kaufen möchte in Second Life in ein Autohaus geht, das ist doch “verrückt” und jenseits jeder Realität.

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